Sie sind hier: Compunctio cordis > Presse-Informationen

Presse-Informationen

Die beiden folgenden Texte sollen der Presse eine Hilfestellung bei der Berichterstattung über Veranstaltungen sein, bei denen Compunctio cordis auftritt. Journalisten können diese Texte wie auch die Fotos unter "Bilder" und "Instrumente" frei benutzen, insoweit es um Auftritte von Compunctio cordis geht.


Compunctio cordis

Compunctio cordis (lat. "Durchdringung des Herzens") ist ein Ensemble der Historischen Aufführungspraxis mittelalterlicher Musik, das heißt, es orientiert sich möglichst genau an den mittelalterlichen Quellen. Es tritt in mittelalterlicher Kleidung auf, auch auf Mittelalter-Veranstaltungen. Diese Kombination ist in Deutschland eine Besonderheit: Musiker auf Mittelalter-Veranstaltungen nehmen es mit der historischen Genauigkeit normalerweise nicht allzu genau, und Ensembles der historischen Aufführungspraxis treten für gewöhnlich nur in moderner Kleidung in Konzerten auf.

Den Kern des Ensembles bildet die Musikerin und Musikwissenschaftlerin Karen Thöle, die auch solistisch auftritt. Sie recherchiert die Stücke, fertigt teilweise eigene Übertragungen der mittelalterlichen Quellen an und legt die Besetzung fest. Bei einstimmigen Stücken, bei denen es wahrscheinlich ist, daß früher eine zweite Stimme dazu improvisiert wurde, übernimmt sie das Arrangement. Dabei orientiert sie sich an überlieferten mehrstimmigen Stücken der gleichen Zeit. Sie selbst singt, spielt gotische Harfe, Portativ, Blockflöte und Renaissanceposaune.

Nicht nur der Notentext und die Arrangements, auch die Kleidung und Ausstattung wird gründlich nach historischen Vorlagen recherchiert. Musik und Kleidermode sind beide Ausdruck ästhetischen Empfindens einer Zeit und ergänzen sich in ihrer Wirkung. Auch hier geht es dem Ensemble um größtmögliche Genauigkeit: Die Schnitte der Kleidung des Ensembles orientieren sich an erhaltenen mittelalterlichen Kleidungsstücken und Abbildungen in mittelalterlichen Büchern; sie ist aus Materialien, die auch im Mittelalter üblich waren, ist handgenäht und teilweise sogar pflanzengefärbt.

Das Mittelalter unterscheidet zwischen lauter und leiser Musik, und Compunctio cordis hat sich für die leise Musik entschieden. Zu den leisen Instrumenten zählen die Saiteninstrumente, die verschiedenen Flöten und das Portativ. Diese Instrumente konnten auch mit Sängern zusammenspielen. Für die Besetzungen der leisen Musik ist die mittelalterliche Kunstmusik zugänglich. Auf einigen dieser Instrumente kann auch ein einzelner Spieler mehrstimmig spielen, und mit Ausnahme der Flöte kann ein Sänger sich mit ihnen selbst begleiten. Im Gegensatz dazu waren die musikalischen Möglichkeiten der meisten lauten Instrumente begrenzt.

Diese leisen Töne verbreiten einen ganz eigenen Zauber. Zwar wirken die Stücke im ersten Moment etwas spröde, ihnen fehlen die treibenden Rhythmen, an die man aus der Pop- und Rockmusik der letzten 50 Jahre gewöhnt ist. Dafür entführen sie um so nachdrücklicher in eine fremde Zeit und entspannen den Hörer durch die häufig meditativen Rhythmen.

Diese Kombination ist bei Mittelalter-Veranstaltungen eine große Besonderheit. Schon die Besetzung mit leisen Instrumenten unterscheidet Compunctio cordis von den Gruppen mit mehreren Dudelsäcken und Trommeln, die man auf den meisten Mittelaltermärkten findet. Und auch das Repertoire des Ensembles ist ein anderes als die Mischung aus Stücken aus jüngeren Epochen, europäischer oder außereuropäischer Folklore und Eigenkompositionen, die diese Gruppen spielen. Denn bei diesen haben meist weder die Melodien etwas mit dem Mittelalter zu tun, noch die Arrangements - diese erinnern mit der Kombination aus Trommelbegleitung und parallel geführten Dudelsäcken eher an Rockbands mit Schlagzeug und E-Gitarren-Powerchords, als an die ausgefeilten Sätze mittelalterlicher Komponisten.


Interview:

Was fasziniert Sie an der mittelalterlichen Musik?
Karen Thöle: Ich bin über die klassische Musik zur Musik des Mittelalters gekommen. Zunächst hat es mich gereizt, daß die Freiräume für den Musiker größer sind als in der klassischen Musik; man muß z.B. selber überlegen, welche Instrumente man einsetzt, und man kann selber Begleitstimmen schreiben. Das Ergebnis ist dann eher etwas Eigenes als bei klassischer Musik. Mit der Zeit habe ich immer mehr über die Regeln gelernt, nach denen mittelalterliche Musik funktioniert, habe gelernt, daß man diese Freiräume nicht willkürlich mit irgendwelchen Entscheidungen füllen sollte. Und stelle fest, daß die Musik wirklich schön wird, wenn man sich an diese Vorgaben hält.
Musik ist für mich die Möglichkeit, eine Zeitreise zu machen. Wenn ich mir meine Musik selber zurecht mache, so wie ich mir vorstelle, wie das Mittelalter gewesen ist, mache ich nur eine Reise in meine eigene Phantasie. Wenn ich mich aber nach dem richte, was die mittelalterlichen Quellen selbst aussagen, habe ich mit richtigen Menschen zu tun, die wirklich in dieser Zeit gelebt haben.
Außerdem ist es für mich eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen, wenn ich sie mache, aber auch, wenn ich sie höre. Und ich habe die Erfahrung gemacht, daß es anderen genauso geht. Viele Stücke haben tatsächlich etwas Meditatives.

Woher weiß man, wie das damals geklungen hat?
Karen Thöle: Es gibt ganze Regale voll mit Musikhandschriften, wahrscheinlich mehr, als ich in einem ganzen Leben lernen könnte. In Frankreich etwa gab es schon früh weltliche Lieder und mehrstimmige Sätze, die aufgeschrieben wurden. Zum Spätmittelalter hin wird das dann immer mehr und immer vielfältiger.
Instrumente aus der Zeit sind leider fast keine komplett erhalten. Wir sind darauf angewiesen, Instrumente nach Abbildungen in mittelalterlichen Büchern nachzubauen. Da fehlen natürlich die Details, leider auch Details, die sich auf den Klang auswirken.
Unser Wissen darüber, welche Instrumente man kombinieren kann, haben wir aus Festbeschreibungen in den höfischen Romanen, aber auch aus historischen Quellen, die Musiker nennen. Und von den Abbildungen von Musikern in der Buchmalerei. Man muß nur vorsichtig sein und unterscheiden können, welche Musiker als Ensemble zusammenspielten und welche nacheinander oder auch an unterschiedlichen Orten auftraten.
Am Wichtigsten sind mir persönlich die Techniken der Mehrstimmigkeit. Ich spiele am liebsten Stücke, die schon als mehrstimmige Komposition überliefert sind. Wenn ich einstimmige Stücke bearbeite, orientiere ich mich an mehrstimmigen Stücken der gleichen Zeit oder an Traktaten zur Musiktheorie.

Können wir das mit unseren heutigen Hörgewohnheiten eigentlich noch verstehen?
Karen Thöle: Sicher. Wenn man sich darauf einläßt. Die mittelalterliche Musik ist ja quasi die "Urahnin" unserer heutigen Musik. Da gibt es durchaus Gemeinsamkeiten. Außereuropäische Musik oder die atonale Musik der sogenannten "klassischen Moderne" ist da viel schwieriger zu verstehen.
Ein Problem könnte natürlich der Text sein; fast niemand wird auf Anhieb einen altfranzösischen oder altenglischen Text verstehen können. Aber in der heutigen Rock- und Popmusik verstehen ja selbst die, die Englisch in der Schule gehabt haben, nicht immer alles. Oft reicht es doch schon, eine ungefähre Vorstellung zu haben, worum es geht, ob es ein Liebeslied, ein Marienlied, eine Satire ist.

Die "Mittelaltermarkt-Musik" scheint aber doch kommerziell erfolgreich zu sein. Haben Sie schon einmal daran gedacht, auf den Zug aufzuspringen?
Karen Thöle: Das ist für mich eine Konkurrenzsituation, die der Musik nicht gut tut. Da geht es doch oft nur noch um Lautstärke. Aber wenn ich ein Liebeslied so singen will, als ob es mich selbst betrifft, kann ich nicht gleichzeitig denken: "Mein Liebeslied ist lauter als deins!". Eine Harfe, ein Portativ kann man nicht unbegrenzt lauter spielen. Und es wäre töricht, wollte ich das kostbare Portativ und die geliebte Harfe zuhause lassen, um dafür einen von Dutzenden von Dudelsäcken zu spielen, die es jetzt schon auf Mittelalter-Märkten gibt. Denn nur weil ich mich selbst mit dem identifizieren kann, was ich singe und spiele, kann ich auch andere davon überzeugen. Deshalb mache ich den Wettbewerb "Lauter, bunter, wilder" nicht mit.

Hätten Sie gerne im Mittelalter gelebt?
Karen Thöle: Naja, bei den richtig guten Musikern hätte ich gerne mal Mäuschen gespielt, vielleicht auch Unterricht haben wollen. Aber meine Badewanne mit fließend warm Wasser und meinen Computer würde ich nur ungern auf Dauer wieder hergeben. Und Harfe und Portativ lassen sich mit dem Auto sicher auch besser transportieren als mit einem Packpferd.
Ich weiß aber nicht, ob ich diese Sachen vermißt hätte, wenn ich tatsächlich im Mittelalter geboren worden wäre. Vermutlich hätte ich nicht von der Warmwasser-Therme geträumt, sondern davon, genug Knechte zu haben, die mir das Wasser tragen und erhitzen. Ich denke, jede Zeit hat ihren eigenen Stolz auf ihre Fortschritte und Erfolge, aber auch genug Dinge, die nicht so sind, wie man sie haben will.


© 12. August 2006 Karen Thöle